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Dienstag
30
Juni

Hut auf! Neue Sängerknaben

Bericht von der Uniformübergabe

Hut auf! Neue Sängerknaben


Endlich ist der Tag gekommen, auf den wir so lange gewartet haben. Der Salon quilt über von fein angezogenen Eltern, Großeltern, Geschwistern, Lehrern, Erziehern, Kapellmeistern.
Frau Direktorin Ondraschek, Hofrat Blauensteiner, Herr Wirth, alle sind sie gekommen und haben ihre Blicke auf uns gerichtet. Aber das sind wir längst gewohnt.

Viel aufregender ist, dass sich zu beiden Seiten beinahe alle amtierenden Wiener Sängerknaben in ihren blauen Matrosenanzügen drängen. Wir singen zum ersten Mal vor unseren zukünftigen Kollegen. Più non si trovano von Mozart. Ob das den Sängerknaben gefällt? Ab heute werden wir auch einen Matrosenanzug tragen dürfen. Dass uns ein bisschen schlecht ist, liegt sicher an den vielen Leuten. Aber kaum beginnt Herr Schlechter mit den ersten Takten des Vorspiels, verschwindet alles. Wir freuen uns zu singen und legen alles in die Musik. Unsere Begeisterung steckt alle im Raum an. Dann gibt es ein paar zum Glück ganz kurze Reden.

Herr Wirth spricht von den spannenden Dingen, die Sängerknaben erleben, von Konzerten in New York, in Tokio und im Musikverein, von Sonntagsmessen in der Hofburgkapelle, für die man manchmal viel zu früh aufstehen muss, von Sekirn und vom Fußball. Dann singen wir wieder. „I believe I can fly“. Das ist unser Lieblingslied, unser Schlachtgesang, als könnte man tatsächlich fliegen.

Nun werden die Kinder verabschiedet, die nicht Sängerknaben werden können, vor allem die Mädchen. Jedes Kind tritt einzeln vor und wird beklatscht. Sie bekommen eine Mappe mit Bildern, Sängerknaben-Kugeln und ein Sängerknaben-Bärchen. Jetzt nähern wir uns dem Höhepunkt - wir zukünftigen Sängerknaben bekommen unsere Uniform überreicht. Der Erste wird mit Beifall in den Haydnchor aufgenommen, dann Mozart, Schubert, Bruckner. Beifall und Gejohle werden immer lauter: Es scheint ein Wettbewerb zwischen den Chören zu sein, wer am lautesten johlen kann – das ist ein Spaß! Vom Brucknerchor ist nur eine kleine Abordnung da - die anderen drehen gerade einen Film, die aber schaffen es lässig, mit den anderen an Lautstärke mitzuhalten. Endlich bin ich an der Reihe. Als mir Herr Wirth, der Präsident, höchstpersönlich die Kappe der Sängerknaben aufsetzt, bin ich sehr stolz und glücklich. Dann kommt mein Bruder und führt mich unter Klatschen und Jubeln in den Chor. Und als der nächste neue Brucknerchörler kommt, johle ich lauthals mit und fühle mich schon jetzt als richtiger Wiener Sängerknabe.